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Montag, 1. März 2010

Fuji W1 - Review Teil 2 - Anzeige der 3D-Bilder, sonstiges Zubehör und Fazit

Eine 3D Kamera ohne adäquate Anzeige der Bilder macht nicht wirklich Spaß, also habe ich mich mal auf dem Markt umgesehen. Zunächst liegt das zur Kamera veröffentlichte Display Fuji V1 nahe, schließlich sollte es optimal zur Kamera passen und auch eine WAF-kompatible Usability ohne Spezialbrillen bieten. Also die Kamera geschnappt, mit den besten 3D Fotos in zwei verschiedenen Läden aufgeschlagen und das Fuji Display getestet.

 Das Fuji V1 Display als rot-grün-Anaglyphenbild

Die Enttäuschung könnte größer nicht sein: Auch hier hatte "schick" den Vorrang vor "funktionell". Die Bedienung ist extrem schwierig, da man bei den Sensortasten keine Ahnung hat, ob man sie nicht richtig gedrückt (bzw. berührt) hat oder ob die unergründlichen Tiefen der reichlich undurchschaubaren Menüführung diesen Tastendruck schlicht ignoriert haben.

Genug der (fragwürdigen) Usability - wichtig ist primär die Funktion. Das Problem ist: Auch damit hatte ich eklatanteste Probleme. So sehr ich es auch mit eigenen und den mitgelieferten Fotos in verschiedenen Läden mit unterschiedlicher Beleuchtung versucht habe, ich bekomme damit partout kein 3D-Bild zusammen. Die stark spiegelnde Oberfläche des Displays stört dabei extrem, da man permanent auf weit entfernte Lichtquellen fokussiert. Ich hatte permanent den Eindruck eines Wackelbildes aber nie, wirklich nie den 3D-Kick. Auf dem Mini-Display der Kamera hatte ich ein deutlich besseres 3D-Feeling als mit dem großen Display - was angesichts des (prinzipbedingt winzigen) Kamera-Displays nicht gerade schmeichelhaft für das große dedizierte 3D-Display ist.

Andere Displays? Schwierig! In englischsprachigen Foren werden die größten Lobeshymnen auf die Rückprojektionsfernseher von Mitsubishi gesungen - leider sind die "klobigen" Rückprojektionsfernseher nicht nach dem Geschmack der "stylishen" Europäer für die ein Display nur dann gut ist, wenn es auch dünn ist. Die Mitsubishis werden also nur mit NTSC-Norm produziert und nicht nach Europa importiert.
Die wenigen prinzipiell 3D-geeigneten (weil 120Hz-Eingangssignal-tauglichen) TFTs wie der momentan auf der CeBit präsentierte und angeblich im Versand auch bereits erhältliche Acer GD245HQ sind nirgendwo für einen real-life-test vorrätig, "die gute alte Elsa Revelator" 3D-Brille ist kaum noch im Einsatz und wurde meist mitsamt der hervorragend 3D-fähigen CRT-Monitore entsorgt.
Tatsächlich eine Alternative sind 3D-fähige Beamer wie der Acer H5360 - allerdings erfordern diese natürlich eine komplette Umkonstruktion des Wohnzimmers inklusive Aufstellung einer Leinwand.
Allen "großen" Lösungen gemein ist, dass sie mit einer Shutterbrille wie der nVidia 3D Brille betrieben werden müssen - wobei jeder weitere Zuschauer seine eigene Zusatzbrille benötigt.

Die aktuell wohl interessanteste und auch preislich akzeptable Lösung ist ein dediziertes 3D-Notebook mit mitgelieferter Polarisationsbrille wie beispielsweise das Acer Aspire 5738DG. Dieses ist in einer deutlich teureren Variante auch mit etwas schnellerer CPU zu haben.

So mau die Situation momentan aussieht, so bald sind viele Produkte zu erwarten: Für den Heimkinobereich hat jeder halbwegs ernstzunehmende Hersteller entsprechende Produkte angekündigt ( Fernseher von Samsung, Receiver von Sony, Fernseher von Panasonic) sowie die entsprechende HDMI-Spezifikation finalisiert.
Auf der aktuellen CeBIT werden 3D-Displays und andere 3D-Produkte am laufenden Band vorgestellt: So wurde jüngst ein All-in-one-3D-PC vorgestellt , außerdem wurden 3D-Displays von Asus und 3D-Displays von LG und Acer präsentiert. Auch die allseits bekannte Zeiss Cinemizer Brille wird hier wieder durch den aktuellen 3D-Hype hochgespült - ob sich an den teilweise auch sehr verbesserungswürdigen Produkten allerdings inhaltlich etwas geändert hat, ist mir leider nicht bekannt. Wünschenswert wäre es, denn schließlich bietet eine solche Brille die optimale Trennung für linkes und rechtes Auge.

Um es zusammenzufassen: So vielversprechend die 3D-Zukunft aussieht, die Wiedergabe der 3D-Fotos wurde für mich angesichts der aktuell noch sehr mageren Endgeräte zum totalen Fiasko. Die einzige sinnvolle Option der Darstellung ist für mich der normale Monitor mit dem genialen Freeware-Tool StereoPhotoMaker. Spaß macht Anaglyphendarstellung oder Kreuzblick mit dem Badezimmerspiegel wirklich nicht.

Ein Graustufen-Anaglyphenbild aus dem Kölner Dom - bitte großklicken und mit rot-grün-Anaglyphenbrille betrachten!

Kameratasche

Zum Zeitpunkt des Kaufs der Kamera war die Fuji Tasche leider nicht kurzfristig lieferbar. Die empfohlene Hama-Tasche hatte absolut nicht die Qualität und Funktionalität wie ich sie von DSLR-Taschen gewöhnt bin. Die Lowepro Apex 60 ist zu groß, in die Apex 30 passt die Kamera nur mit reichlich Überredungskunst hinein - alles nicht optimal. Die einzige wirklich passende Tasche ist wohl wirklich die Spezialtasche von Fuji. In diese passt aber ausschließlich die Kamera, sonst nichts.

Software

Die Software ist alles andere als ein Ruhmesblatt für Fuji und selbst als kostenlose Beigabe eigentlich eine Unverschämtheit: Eine ganz normale mit der Kamera mitgelieferte Bildbetrachtungssoftware wie man sie gewöhnt ist (langsam, umständlich, hauptsächlich als Werbefläche für den Hersteller verwendet dafür sparsam an Funktionen, etc.) auf die nachträglich notdürftig das Thema 3D angeflanscht wurde. Multicore-Unterstützung sucht man genauso vergebens wie jeglichen 3D-Komfort. Das positive Gegenteil dazu ist das geniale Freeware-Tool StereoPhotoMaker das um Welten mehr Features bietet, komfortabel und schnell zu bedienen ist - genau so sollte ein 3D Viewer aussehen. Selbst das wieder mal proprietäre Fuji-Format MPO wird besser unterstützt als von Fuji selbst, auch wenn Fuji verzweifelte Versuche unternimmt solche Programme zu blockieren indem beispielsweise der (ohnehin nicht gerade berauschende) 3D-Viewer V1 Dateien aus solchen Freeware-Tools boykottiert.

Bis jetzt dachte ich, dass ich die Kamera als Andenken an die erste echte 3D-Kamera behalte - dann kam alles ganz anders...

Die niederschmetterndste Erfahrung, die mich schließlich zur Rückgabe der Kamera veranlasst hat, war jedoch nicht die sehr zweifelhafte Bildqualität oder die Videoqualität auf dem Stand des Jahres 2000 - nein, es war der Autofokus der komplett hilflos ist, wenn man sich nicht in prächtigst ausgeleuchteten Studios befindet. Kein Witz, meine erste Digitalkamera aus dem Jahr 2000 hat einen deutlich schnellen und vor allem funktionierenden Autofokus! Ich hatte mit der Fuji W1 regelmäßig  nicht nur das Problem, schnell zu fokussieren sondern überhaupt richtig zu fokussieren! Dass man mit der W1 nicht manuell fokussieren kann, schlägt den AF-Problemen dann die Krone ins Gesicht. Die Alltagstauglichkeit der Kamera ist für mich damit nicht höher als die der seit Jahren existierenden Eigenbau-Konstruktionen aus zwei Kameras.

Empfehlenswerte Eindrücke anderer Tester hier und hier sowie ein sehr negatives Review hier, die Antwort von Fuji darauf hier. Ich möchte darauf hinweise, dass ich die Kamera nicht von dem Hersteller oder einem Händler zum Test gestellt bekommen habe. Ich habe, da ich schon seit der Photokina Feuer und Flamme für diese Kamera war, ein ganz normales Exemplar im Versandhandel gekauft und hatte auch nicht vor, es lediglich zu testen, sondern ich wollte diese Kamera behalten und damit meine Kompaktkamera Fuji f31fd ersetzen. Zurückgegeben habe ich die Kamera also ungeplant und nach sehr harter Überlegung.

Mein Fazit der Kamera: Endlich gibt es sie, die erste einsatzfähige Consumer-3D-Kamera. Soweit, so fantastisch. Das Problem ist, dass es nicht die erwartete Kombination von zwei halbwegs aktuellen Digitalkameras sondern von zwei Digitalkameras aus dem Jahre 2000 ist - aber dem Bildrauschen absurd hochgezüchteter winziger 10MPix Sensoren aus dem Höhepunkt des Megapixelwahns. Deren Auflösung liefert keineswegs echte Details sondern vor allem Bildrauschen und Aquarellbilder die aus den verzweifelten Versuche der Rauschreduktion entstanden sind.

Empfehlungen an Fuji für das Nachfolgemodell:
  • Gestalten Sie bitte das Gehäuse aus stabilem und griffigem Material, vorzugsweise Metall mit belederten Griffbereichen. Grenzen Sie die Objektive so von der restlichen Oberfläche ab, dass man nicht öfter als nötig auf die Objektive tappt.
  • Ersetzen Sie die komplette Optikeinheit durch eine hochwertige Konstruktion mit vergrößertem Weitwinkelbereich (gerne auch unter Verlust des Telebereichs), denken Sie auch mal über zwei Festbrennweiten nach. Bitte ersetzen Sie unbedingt die Sensoren durch rauscharme Exemplare im Bereich der 6MPix und bringen sie die EXR-Technik auch hier zum Einsatz. Kombinieren Sie bitte geeignete Komponenten - ein Sensor mit 10MPix Auflösung hinter einer Optik die nur 3MPix durchlässt, zeugt nicht von stimmiger Konstruktion.
  • 3D-Aufnahmen mit dem eingebauten Blitz sind kein Spaß. Bitte erhöhen Sie die Lichtstärke der Optik deutlich, gerne auch unter Verzicht auf großen Zoombereich. Bitte ermöglichen Sie den Anschluss von externen Blitzgeräten um eine indirekte Blitzaufhellung zu ermöglichen.
  • Bringen Sie die Bildqualität auf das Niveau normaler Kompaktkameras aus eigenem Hause. Bilder müssen nicht nur dreidimensional sein, sie müssen auch gut sein. Rauscharmut und Dynamik einer F200EXR sind auch mit zwei nebeneinander verbauten Objektiven problemlos möglich.
  • Bringen Sie die Videoqualität auf das Niveau normaler Kompaktkameras aus eigenem Hause. Im Jahre 2010 eine Kamera mit lediglich VGA-Video anzubieten grenzt an eine Frechheit.
  • Ermöglichen Sie Autofokus auch in geschlossenen Räumen. Verbauen Sie ein AF-Hilfslicht, optimalerweise ein 3D-Laserpattern wie in der Sony F828, verbauen Sie Phasenverschiebungs-AF-Sensoren - aber bitte tun Sie irgendwas, damit die wirklich indiskutable AF-Leistung endlich besser wird!
  • Bringen Sie die Auslöseverzögerung auf einen halbwegs akzeptablen Wert! Ich muss mal wieder meine Kompaktknipse aus dem letzten Jahrtausend zitieren, mit dieser waren schnellere Schnappschüsse möglich als mit der W1.
  • Bitte akzeptieren Sie, dass die Kunden für den doppelten Preis der aktuell besten Kompaktkameras auch die Qualität dieser Kameras erwarten. Fuji hat nun noch einen kleinen Vorsprung vor den anderen Herstellern, es gilt nun, diesen Vorsprung zu nutzen und vor allem Kundenfeedback so schnell wie möglich in die nächste Generation einfließen zu lassen!
  • Bitte bringen Sie die Produktkonzeption mit der Kundenzielgruppe in Einklang! Wen möchten Sie mit der W1 erreichen? Leute die jetzt schon 3D fotografieren oder 3D-Neulinge? Die existierenden 3D-Freaks sind (überspitzt gesagt) Kommandozeilenfreaks die jede Kamera sofort in den Modus "M" stellen und sämtliche Parameter manuell steuern. Denen können Sie noch so lange von Motivprogrammen vorschwärmen - so lange die manuellen Einstellmöglichkeiten so radikal beschnitten sind wie bei der W1, werden Sie diese Gruppe nicht erreichen. Oder sind es die 3D-Neulinge, überspitzt gesagt die Grüner-Modus-DAUs? Die möchten eine Kamera die genauso problemlos funktioniert wie die existierenden Kompaktkameras. So lange aber der Autofokus den Namen nicht verdient, die Bedienbarkeit sehr fragwürdig ist, die Bild- und Videoqualität auf dem Stand des Jahres 2000 ist, die Kamera ständig das Verhalten einer unberechenbaren Diva an den Tag legt, die mitgelieferte Software absolut indiskutabel ist und es keine Komplementärprodukte wie einen funktionierenden 3D-Viewer gibt, werden Sie auch diese Gruppe nicht ereichen.
Insgesamt war die Zeit mit der Fuji W1 manchmal wegen der schieren Masse der Kinderkrankheiten niederschmetternd aber es war definitiv der Einstieg in eine Technologie die man schon in einigen Jahren wohl nicht nur problemlos beherrscht sondern die man auch als Selbstverständlichkeit ansieht. Auf die Fuji W1 wird mal wohl bald mit einem verklärten Blick zurückschauen und sagen: "Das war sie, die erste 3D-Kamera überhaupt". Bis dahin werden die von mir geschilderten Probleme der Kamera genauso vergessen sein wie der harte Kontrast zwischen dem begeisterten Interesse das der Kamera während meines Tests entgegengebracht wurde und der unscheinbaren Erscheinung der Kamera: Egal ob ich mit Fotofreaks oder mit Otto-Normal-Konsumenten gesprochen habe, ausnahmslos alle waren im persönlichen Gespräch restlos begeistert davon, dass es nun 3D-Kameras fertig zu kaufen gibt die fast genauso einfach funktionieren wie normale Kompaktknipsen. Im Fotogeschäft dagegen interessiert sich kein Mensch dafür, neben der mit Verachtung gestraften Fuji W1 wird der 1000ste Aufguss der gleichen Miniknipse in allen Regenbogenfarben bestaunt als wäre es die erste Digitalkamera überhaupt. Anscheinend können es die Konsumenten noch nicht so ganz glauben, dass 3D wirklich funktioniert - und nach meinem Test kann ich es auch ein kleines bisschen nachvollziehen.

Fuji hatte den großen Mut, bereits vor Jahren als Pionier massiv in diese Technik zu investieren und wurde nun mit der Vorreiterrolle belohnt. Quasi sämtliche Kamerahersteller haben auch schon 3D-Kameras angekündigt, müssen aber erst einen mächtigen Rückstand aufholen. Wenn Fuji aus den Fehlern der W1 lernt, können Sie ihren Vorsprung durchaus eine Zeitlang verteidigen.

Montag, 1. Februar 2010

Fuji W1 - Review Teil 1 - Erster Eindruck und Bedienung

Fujifilm W1 - hinter diesem genauso kurzen wie nichtssagenden Namenskürzel (ich hätte eher etwas in die Richtung 3D erwartet) verbirgt sich nicht weniger als die erste Consumer-3D-Digitalkamera. Natürlich konnte man mit überdurchschnittlichem Aufwand auch schon bisher Stereofotos anfertigen aber dies war meist mit erheblichen Einschränkungen verbunden: Es mussten zwei äußerst schmale Kompaktkameras erworben und nebeneinander montiert werden, sämtliche Einstellungen bei beiden Kameras identisch vorgenommen werden und dann per Infrarotauslöser ausgelöst werden. Andere Lösungen wie der manuelle Horizontalversatz sind noch aufwändiger und machen Fotos von nicht komplett statischen Motiven schlicht unmöglich.

77mm Abstand der "Augen" - also mehr als beim Menschen und dadurch starker 3D-Effekt. Griffige Konturen sucht man bei der Fuji vergebens und landet beim Einschalten der Kamera schneller mit dem Finger auf dem Objektiv als man "Microfasertuch" aussprechen kann.

Allen bisherigen Lösungen ist gemein, dass sie nicht schnappschusstauglich, für mein Fotografierverhalten also nicht alltagstauglich sind. Nicht nur müssen zwei Kameras gebündelt und identisch eingestellt werden, die Bilder müssen anschließend auch manuell kombiniert werden. Ein simples Kamera-rausziehen - Foto machen - Kamera einstecken ist schlicht unmöglich.

All diese Probleme gibt es bei der W1 nicht: Die Kamera sieht aus wie eine etwas dickere Kompaktknipse und ist erst durch die zwei Objektive und das nervig-beleuchtete 3D-Logo als weltweit einmalige Kamera erkennbar. Sie ist normal zu bedienen - es werden schlicht sämtliche Aufnahmen (egal ob Foto oder Video) doppelt gemacht und miteinander verbunden auf der Speicherkarte abgelegt.
Als ich die Kamera erstmals in die Hand genommen habe, war ich vor allem vom Gewicht beeindruckt. Es macht den Anschein als hätte Fuji aberwitzige Mengen an Technik in ein gerade noch als hosentaschentauglich zu bezeichnendes Packmaß gequetscht. Dass diese gerade erst am Beginn ihrer Entwicklung befindliche Technik ihren Preis hat, ist auch klar. Billig ist die Kamera nicht, aber das war auch nicht zu erwarten. Man sollte aber bei einem Preis von EUR 500 schon erwarten, dass die Foto- und Videofunktionen zumindest halbwegs mit aktuellen Digitalkameras mithalten können.

Das Äußere der Kamera ist etwas unstrukturiert: Gut gelöst ist der Einschaltschieber, der einfach einfach ist, intuitiv zu bedienen ist und beide Objektive gleichzeitig öffnet bzw. abdeckt. Das ist um Welten besser als die unsäglichen motorisch betriebenen und dadurch sehr fehleranfälligen Objektivabdeckungen wie man sie von fast allen Kompaktkameras kennt. Leider hat man die Chance vertan, durch eine ausgeprägtere Konturierung dem Nutzer eine klare Leitlinie zu geben, wo die (potenziell objektivabdeckenden) Finger zu platzieren sind. Die Handlage ist alles andere als sicher, was durch das unerwartet hohe Gewicht stets eine Handschlaufe als Sicherheitsmaßnahme erfordert. Obwohl ich eigentlich diese Handschlaufen stets mit Verachtung strafe und auch meine DSLRs bei sämtlichen Einsätzen schon immer ohne Kameragurt verwende, habe ich bei der Fuji wirklich Sorge, sie könnte mir aus der Hand glitschen. Es fehlen nicht nur Konturen sondern auch eine rauhe Oberfläche. Stattdessen hat man sich bei Fuji für die momentan so modische hochglanzschwarze Oberfläche entschieden - was genauso hässlich wie unpraktisch ist: Nicht nur sieht die Kamera nach wenigen Minuten Benutzung sofort aus als hätte man sie mit einer Portion Mayonaise bekleckert  - geringste Mengen Handschweiß sind ausreichend um jegliche Reibung zwischen Hand und Kamera komplett zu eliminieren.
Sehr unangenehm ist auch, dass die Objektive bündig mit der Oberfläche sind und man selbst bei vorsichtiger Handhabung sofort Fingerabdrücke auf den Objektiven hat. Dies führt bei Fotografien im Sonnenlicht (und nichts anderes ist angesichts der Lichtschwäche zu empfehlen) schnell zu versauten Aufnahmen - die man zu allem Unglück erst zuhause am Rechner bemerkt da Abdeckungen nur eines Objektivs auf dem Display kaum zu sehen sind.

Die hochglanzschwarze Oberfläche sieht nur im Prospekt gut aus - in Real 3D eher so

Die optische Konstruktion der Kamera erinnerte mich sofort an die Minolta Dimage X: Mit einem Prisma wird das Bild nach unten umgelenkt, die Zoom- und Fokussiertätigkeit findet also im Inneren der Kamera und in senkrechter Richtung statt. Beachtenswert ist, dass das linke Objektiv (sämtliche Seitenangaben sind generell aus der Sicht des Fotografen geschrieben, d.h. auf das Display der Kamera blickend) quasi bündig mit dem Gehäuse eingebaut ist, das rechte Objektiv mit etwas Abstand eingebaut. Dies ist für mich als Tester des Prototypen auf der Photokina 2008 sehr begrüßenswert: Bei diesem war das Gehäuse fast symetrisch aufgebaut und auch das rechte Objektiv war relativ nah am Gehäuserand. Dies sah zwar sehr schick aus, führte aber zu massiven Problemen da man ständig den rechten Mittelfinger vor dem rechten Objektiv hatte. Man musste sich schon arg dazu zwingen, die Finger anders (sprich: verkrampft) zu halten. Hier hat Fuji also eine Menge gelernt.
Bemerkenswert ist der zentrale Blitz. Es gibt also bei Blitzaufnahmen auf dem linken Bild einen Schlagschatten nach links, auf dem rechten Bild einen Schlagschatten nach rechts. Auf dem Kameradisplay erzeugt das die Illusion eine "Schattenwurfrahmens" beispielsweise um Personen herum und führt meiner Meinung nach zu einer Wahrnehmung die ich mal Prospektillusion nenne: Hintereinander gestaffelte Personen und Objekte werden zwar durchaus tiefengestaffelt wahrgenommen, in sich jedoch zweidimensional. Es scheint so als hätte man keine dreidimensionalen Objekte und Personen fotografiert, sondern hintereinander aufgestellte zweidimensionale Fotos derselben. Es gibt also weniger das Gefühl von Personen, sondern von Bühnenprospekten. Inwiefern sich dieser Eindruck auf einem größeren Display bestätigt, werde ich herausfinden.
Eine große Hilfe, insbesondere angesichts der sehr fragwürdigen Bildqualität schon ab ISO 400 wäre ein indirekt zu nutzender Blitz. Dies ist absolut nicht vorgesehen und könnte lediglich als Bastellösung mit einem als Slave-Blitz gezündeten Blitz funktionieren.

Die Bedienung der Kamera fordert ein Umdenken in die 3D-Welt: Parameter wie die Parallaxenjustierung oder die Umschaltung zwischen 2D-und 3D-Modus sind bei einer "normalen" (sprich: zweidimensionalen) Kompaktkamera natürgemäß nicht vorhanden. Dennoch geben die Tasten keine Rätsel auf, schon nach einem Tag hatte ich die Bedienung verinnerlicht. Hier war ich sehr positiv überrascht, Fuji hat soviel Komplexität wie möglich vom Nutzer ferngehalten, das ist lobenswert.
Was man meiner Meinung nach tunlichst vermeiden sollte, ist der Auto-Modus. Dieser hält unnötig viele Einstellungsparameter vom Nutzer fern, so kann nicht mal der Weißabgleich und Belichtungskorrektur eingestellt werden. Eine sofortige Umstellung auf Programmautomatik ist stark angeraten.

Man merkt oft, dass die W1 die erste Kamera dieser Art ist. Vieles ist irgendwie unausgegoren, beispielsweise wird mit dem (an sich lobenswerten) Menüpunkt "3D-Logo-Beleuchtung" auch gleich die Beleuchtung der Bedienelemente ausgeschaltet. So kann man also nur wählen ob man bei Schummerlicht die unbeleuchteten und ohne jegliche Konturen gestalteten Bedienelemente suchen muss - oder sich mit dem protzig-verspielten 3D-Logo blamiert die doch sehr an aufgeprollte 3er mit Unterbodenbeleuchtung á la Fast and Furious erinnert.
Diese Probleme und das später erläuterte Batteriewarnung-Problem wären evtl. mit einem Firmwareupdate behebbar.

Tiefergelegter 3er mit Unterbodenbeleuchtung? Nein, es ist eine 3D-Kamera!

Der Spaß an 3D-Fotografie ist zweigeteilt: Einerseits muss das Material einfach und angenehm zu erzeugen sein, andererseits muss das 3D-Material einfach aber dennoch beeindruckend dem Nutzer angezeigt werden. Wenn man also aus der 2D-Welt nur großformatige Ausbelichtungen und große farbkalibrierte Monitore gewöhnt ist, dann kann ein kleines Kameradisplay zwangsläufig nicht gerade Begeisterungsstürme entfachen. In der 3D-Welt sind die Anforderungen jedoch um ein Vielfaches komplexer! Gemessen daran, welche Platzbeschränkungen bei einer Kompaktkamera vorherrschen, haben die Ingenieure die Aufgabe bravourös gemeistert und es ist definitiv echtes 3D-Feeling angesagt: Anfangs ist der Blick etwas ungewohnt und das Fotomaterial meist auch nicht optimal, dennoch bekommt man schnell den Moment in dem es "plopp" macht und man sieht das Bild plötzlich dreidimensional. Dieser Moment ist schlicht genial!

Die Bildgestaltung von 3D-Fotos ist reichlich komplex, wenn ein wirklich guter 3D-Effekt zustande kommen soll. Insbesondere Nahaufnahmen sind im Regelfall nicht 3D-tauglich, man sieht bei solchen Motiven dann schlicht zweimal den Gegenstand aber das Gehirn schafft es nicht, diesen zu einem dreidimensionalen Gegenstand zusammenzufügen. Grundregeln für die Gestaltung sind:
  • Eher weitwinklig fotografieren! Leider wird einem dies mit der Fuji W1 nicht gerade leicht gemacht. Die offiziellen 35mm KB-äquivalente Brennweite werden durch den 3D-Beschnitt (aufs Bild kommt nur das, was beide Objektive sehen, vom linken Bild wird im 3D-Betrieb also links ein Streifen abgeschnitten und vom rechten Bild rechts ein Streifen) auf handgeschätzte 43mm geschrumpft. Das ist eine schöne Normalbrennweite aber mit Weitwinkel hat es nichts zu tun.
  • Das Herauszuhebende Objekt im Bereich von 2-3m platzieren. Im Falle von Personen wird das aber wegen der Brennweite schwierig
  • Wenn möglich mit indirekter Beleuchtung fotografieren - durch die fehlende Lichtstärke auf wenige Einsatzgebiete begrenzt
Das Display ist ein außerordentlich wichtiger Teil der Kamera: Mit der Aufnahme von Stereobildern ist es ja nicht getan, sie müssen schließlich auch irgendwie dargestellt werden. Die W1 hat dafür ein Display eingebaut, das ohne jegliche Brille (Anaglyphen, Polarisation oder Shutter) zwei Bilder darstellt. Dabei ist das Display genau im rechten Winkel zur Blickrichtung zu halten, damit die Trennlinie zwischen den beiden Bildern zwischen den Augen des Betrachters verläuft. Systembedingt kann also auch stets nur eine Person gleichzeitig dreidimensionale Bilder sehen, wer daneben steht bekommt zwangsläufig nur das dem äußeren Auge zugedachte Bild zu sehen.

Dieses Bild ist definitiv ungerecht, denn das Display der W1 sieht mit etwas Übung wirklich super aus!


Fuji hat die Kamera sinnvollerweise zusammen mit einem dazupassenden Display auf den Markt gebracht, das auf den kurzen Namen V1 hört - die Namensverwandtschaft mit einer Rakete aus vergangenen Zeiten hat die Firma Fuji im fernen Japan wohl nicht bedacht. Dieses Display werde ich die nächsten tage mal testen, schließlich sind die besten 3D-Fotos ohne adäquate Anzeigemöglichkeit nutzlos.

Weitere Anzeigemöglichkeiten die ich mir noch ansehen werde:
  • Shutterbrille von nVidia an Displays wie dem Samsung 2233RZ, Viewsonic VX2265wm oder ACER GD245HQ. Die für mich viel interessanteren Rückprojektions-Fernseher von Mitsubishi sind leider nicht in Europa erhältlich :-( Diese Displays können mit einem 120Hz Signal angesteuert werden, von denen jeweils eines aufs linke und eines aufs rechte Auge durchgelassen wird. Voraussetzung hierfür ist pro Zuschauer eine teure Shutterbrille
  • Polarisationsbrille: Ist pro Zuschauer billiger, erfordert aber natürlich entsprechende Spezialdisplays
  • Anaglyphenbrille: Für reine S/W Bilder interessant, bei Farbfotos stört der Farbversatz jedoch immens.

Kritikpunkte bzw. Verbesserungsvorschläge:
  • Der größte Kick der Kamera, der Videomodus, ist technisch auf dem Stand des Jahres 2000. Nein, ich habe keine "1" vergessen, der Videomodus erinnert an längst vergessene Einschränkungen aus dem letzten Jahrtausend.
  • Der Brennweitenbereich viel zu telelastig, ausgerechnet im 3D-relevanten Weitwinkelbereich ist man permanent am unteren Anschlag. Ich würde eine weitwinkligere Auslegung der Optik begrüßen, auch wenn dies auf Kosten des Zoomfaktors geht. Am liebsten wäre mir gar kein Zoom, sondern zwei lichtstarke Festbrennweiten mit 28mm KB-äquivalenter Brennweite.
  • Die Auslöseverzögerung ist wirklich nicht konkurrenzfähig. Bei Blitzausnahmen wird stets eine Vorblitzmessung vorgenommen, es ist also mit einer knappen Sekunde Auslöseverzögerung zu rechnen - selbst dann, wenn bereits vorfokussiert ist. Worin diese Verzögerung begründet ist, ist mir schleierhaft, schließlich gehen die 2D-Kompaktkameras von Fuji recht fix zu Werke
  • Die Lichtempfindlichkeit ist bestenfalls auf dem Niveau anderer Kompaktkameras, mit den hauseigenen EXR-Modellen kann sich die W1 definitiv nicht messen. Das ist durch die Abwesenheit eines Bildstabilisators doppelt ärgerlich
  • Die Bildqualität im 3D-Betrieb ist bei effektiven 3 Megapixeln. So praktisch eine One-Shot-3D-Kamera ist, mit den Eigenbaulösungen kann sie bei weitem nicht mithalten. Ehrliche 6MPix wären mir lieber als geheuchelte und verrauschte 10MPix die nur 3MPix Informationsgehalt haben.
  • Die Gestaltung des Gehäuse war fast ausschließlich Coolness-optimiert: Viele blaue Leuchtdioden sogar in der Front um auch dem letzten Spätkapierer klarzumachen, dass er gerade in 3D verewigt wird. Hippes Hochglanzschwarz sorgt in Verbindung mit konturloser Oberflächenformung für nicht vorhandene Haltesicherheit - Kamera-Abstürze sind vorprogrammiert.
  • Die Einstellbarkeit ist äußerst beschränkt, so fehlen sogar Selbstverständlichkeiten wie ein manueller Weißabgleich oder (für optimale Tiefenschärfe bei 3D-Fotos sehr wichtige) manuelle Fokussierung. Auch sind die Möglichkeiten der zwei Kameras nur rudimentär ausgenutzt, die versprochene gleichzeitige Nutzung von Video und Fotografie sucht man vergebens.
  • Viele Bestandteile der Firmware stammen aus der 2D-Welt, beispielsweise die Batteriewarnanzeige: Wenn die Kamera der Meinung ist nur noch wenig Strom im Akku zu haben, wird ein Warnsymbol auf dem Display angezeigt, siehe oben auf dem Foto des Display. Dies macht jedoch den schönsten 3D-Eindruck zunichte. Es wäre sinnvoller, wenn dieses Symbol zwar auftaucht, aber beispielsweise nach 1sec Anzeige eines Bildes verschwindet. 
10MPix? Naja, an Bilddetails lndet man im 3D-Betrieb bei ca. 3MPix - aber dem 10MPix Rauschen :-(


Erstes Fazit:
Die Fuji W1 ist deutlich anzumerken, dass es die erste 3D-Digitalkamera ist. Vieles wirkt irgendwie unausgegoren und noch nicht durch viele Generationen von Modellreihen und Erfahrungsberichten optimiert. Das Feld der 3D-Fotografie ist eben speziell und vieles ist anders zu konstruieren als bei 2D Kameras. Hier gibt es schlicht noch keine Erfahrungsberichte auf denen Fuji hätte aufbauen können. Warum jedoch der Videomodus auf nicht mehr existent geglaubte 640x480 beschränkt wurde, das ist mir absolut unverständlich. Das hätte man auch beim allerersten Modell gleich anständig machen können.

Fuji hat eine absolut beeindruckende Kamera auf den Markt gebracht die einen Vorgeschmack darauf gibt, welches gigantische Potenzial die 3D-Fotografie hat. Wer einmal das "plopp" Erlebnis hatte und das dreidimensionale Bild gesehen hat, dem fehlt danach bei jedem 2D-Bild irgendwie die Tiefe. Für echte 3D-Freaks ist die W1 sicher eine Erlösung und ein absoluter Pflichtkauf. Wer es nicht ganz so eilig hat und viel Wert auf ausgereifte Produkte legt, der sollte wohl die nächste, hoffentlich gründlich verbesserte Nachfolgemodell abwarten.

Es ist zu hoffen, dass auch die anderen Hersteller durch den aktuellen 3D-Hype eigene Produkte auf den Markt bringen und ein echter Wettbewerb für 3D-Kameras entsteht. Dies wäre ein großes Plus für den anspruchsvollen Konsumenten. Dann wird sich hoffentlich nicht nur die Technik signifikant verbessern, sondern auch die Preise auf ein erträgliches Maß korrigiert werden.